„Man hat mir mit auf den Weg gegeben, meine Arbeit mit Aufgeschlossenheit, Ehre, Neugier und Pflichtbewusstsein zu verrichten” - Interview mit Olivia Schubert, der Vorsitzenden der Landesselbstverwaltung der Ungarndeutschen

26. Oktober 2018 - 09:11 - Quelle: - 0 kommentier
Seit dem bedauerlichen Tode von Otto Heinek am 20. August leitet Olivia Schubert die Landesselbstverwaltung der Ungarndeutschen. Die einstige stellvertretende Vorsitzende stammt aus der Branauer Kleinstadt Bohl. Abitur legte sie am Deutschen Nationalitätenklassenzug des Klara-Leőwey-Gymnasiums in Fünfkirchen ab. In dieser Stadt begann sie ihr Studium, erwarb aber schließlich ein Diplom in Politikwissenschaft, Germanistik und Geschichte an der Universität zu Köln, anschließend Abschlüsse als EU-Fachexpertin und Verwaltungsmanagerin in Budapest. Ab 2002 war sie im Amt für Nationale und Ethnische Minderheiten, dann im Amt des Ministerpräsidenten als Referentin für Minderheitenrechte und EU-Angelegenheiten zuständig, ab 2007 war sie die Geschäftsführerin der Landesselbstverwaltung der Ungarndeutschen, und später fünf Jahre lang die Leiterin der Abteilung von Bildungs- und Wissenschaftskooperationen der Audi Hungaria GmbH. Sie erzählte über Herkunft, Identität, Aufgaben, Einstellung und vieles mehr.

∎ Über Herkunft, Familie, Erziehung

„Ich stamme aus dem Branauer Bohl, väterlicherseits aus einer ursprünglich Bohler, mütterlicherseits aus einer Sawener und Munjeroder ungarndeutschen Familie. Auch in unserer Verwandtschaft waren Themen wie Weltkriege, Vertreibung, Emigration und Enteignung, die auch unsere Familie schwer getroffen haben, tabuisiert. Erst als Gymnasialschülerin begann ich mich damit eingehender zu befassen, und dies bestimmte dann auch meinen späteren Weg. Studieren begann ich in Fünfkirchen, wechselte aber dann auch bald mit einem DAAD-Stipendium nach Köln, wo ich insgesamt sieben Jahre verbrachte. Dort wurde mir erst so richtig klar, wie besonders überhaupt meine Identität ist. Ich stach als jemand, der aus Ungarn gekommen ist, hervor, und die Leute um mich herum fanden die Tatsache, dass ich dennoch eine Deutsche bin, äußerst interessant. Darüber durfte ich dann bei meiner Diplomverleihung auch vor zweihundert Zuhörern berichten: Der Herr Dekan ging nämlich davon aus, dass ich darum den Namen Schubert trage, weil ich mit einem Deutschen verheiratet bin, daraufhin musste ich meine spezielle Situation, und dass ich nach meinem Studium in meine Heimat zurückkehren werde, einem großen Publikum erklären. Während der Jahre an der Uni habe ich mich immer mehr in Minderheitenthemen vertieft, auch als Studentin der Politologie und der Geschichte befasste ich mich eingehender mit Minderheitenschutz und Menschenrechten. Ich hatte einen aus Ungarn stammenden Professor, einen Experten des Schutzes der Minderheitenrechte, den ich besonders gern hatte: Auch ihm habe ich es zu verdanken, dass ich mich bewusst in diese Richtung orientierte. Das Allerprägendste war aber zweifelsohne das, was mir meine Familie mit auf den Weg gegeben hat: Sowohl meine Eltern, als auch meine Großeltern legten großen Wert darauf, mir die Wichtigkeit der Nächstenliebe beizubringen, sowie auch eine richtige Einstellung zur Arbeit und das richtige Vertrauen meinen Mitmenschen gegenüber. Ich glaube, dass mein Leben dadurch ein sehr stabiles moralisches Fundament hat, ich durfte eine Erziehung genießen, in der es natürlich war, Ungarndeutsche zu sein, und dafür kann ich ihnen nicht genügend dankbar sein. Als Kinder konnten wir in emotioneller Geborgenheit leben, in der wir uns frei entfalten konnten, wir mussten nie Angst haben, und wir brauchten uns auch nie um Probleme zu kümmern. Eine meiner Großmütter lebt noch, sie ist 98 Jahre alt. Ihr ist es bewusst, dass ich nun Vorsitzende geworden bin. Einerseits ist sie sehr stolz auf mich, andererseits ist sie natürlich auch um mich besorgt. Ihre Erinnerungen an all die Strapazen, die sie erleben musste, sind noch so hell, dass sie als weise alte Dame all die damit verbundenen Möglichkeiten und Unwägbarkeiten erkennt. Ich weiß, dass auch meine anderen Großeltern stolz auf mich wären, und sie würden mir raten, mit Aufgeschlossenheit, mit Ehre und Neugier, und mit dem von ihnen geerbten Pflichtbewusstsein meine Arbeit zu verrichten.“

∎ Über Entscheidungen, Wechsel und Erfahrungen

„Meine enge Zusammenarbeit mit der Landesselbstverwaltung der Ungarndeutschen begann nicht am 20. August, diese hat eine längere Vorgeschichte. Während meiner Tätigkeit als Leiterin der Geschäftsstelle, als Vollversammlungsmitglied und als Vize von Otto Heinek wurden mir Inhalt und Verantwortung dieser Arbeit, sowie auch die diesbezügliche Ehre und das Vertrauen bewusst. Mein Engagement, das sich während der Jahre entfaltete, half mit, nach dem Tode von Otto relativ schnell eine Entscheidung treffen zu können und im Sinne der Kontinuität der zurückliegenden Zeit der Wahlperiode seine Aufgaben zu übernehmen. Als ich meine Stelle als Leiterin der Geschäftsstelle für Audi Hungaria aufgab, war das eine bewusste Entscheidung. Die Rückkehr zur LdU brachte das Leben mit sich. Jedenfalls will ich glauben, die Arbeitsmethoden und Arbeitskultur, die ich mir während der fünf intensiven Jahre in der Wirtschaftssphäre angeeignet habe, auch in meine neue Arbeit einbauen zu können – ganz, wie das auch damals umgekehrt der Fall war. Herausforderungen, Verantwortung und Anforderungen gibt es auch hier reichlich. Ich bin sehr froh und beruhigt, mit einem kompetenten und engagierten Team zusammenarbeiten zu dürfen. Meine ersten Arbeitstage waren verwirrt. Noch als Leiterin der Geschäftsstelle habe ich mit mehreren Kolleginnen und Kollegen zusammengearbeitet, es gibt aber auch welche, die neu sind. Auch die Geschäftsstelle selbst hat sich geändert, zahlreiche Dinge, die jetzt anders laufen, muss ich neu kennen lernen, ich muss mich neu integrieren. Jedenfalls ist es gut, als Vollversammlungsmitglied mit den Mitarbeitern der Geschäftsstelle permanent im Kontakt gewesen zu sein. Ich versuche, mit der nötigen Offenheit und mit meinem besten Wissen an die Arbeit heranzugehen. In der Übergangsphase nach dem Tod von Otto konnten wir uns nur sehr schwer auf die Arbeit konzentrieren. Den Tag, als ich zur Vorsitzenden gewählt wurde, erlebte ich als einen Meilenstein. Es war ein unbeschreibliches Gefühl! Es war immer schon meine Herzensangelegenheit, mich für unsere Gemeinschaft einzusetzen, aber dass ich meine Nationalität einmal als LdU-Vorsitzende vertreten werde, hätte ich nie geglaubt. Ich habe übrigens immer noch oft das Gefühl, Otto zu vertreten; ich glaube, es müssen noch Wochen, sogar Monate vergehen, bis mir diese neue Situation so richtig bewusst wird. Ich versuche, dies so schnell wie nur möglich zu bewältigen, damit ich mich vollkommen auf meine Aufgaben konzentrieren kann. Ich bin bestrebt, Ottos Werk, das er in den vergangenen zwei Jahrzehnten sehr zielstrebig konzipiert hat, ohne einen größeren Bruch weiterzuführen.”

∎ Über erste Arbeitstage, erste Aufgaben

„Eine meiner allerwichtigsten Aufgaben ist, die zahlreichen, mannigfaltigen und parallel laufenden Tätigkeiten kennen zu lernen. Ich plane, mit all unseren Partnern und den Leitern der von der Landesselbstverwaltung getragenen Institutionen persönlich zu diskutieren, damit wir die gegenwärtige Lage, Probleme und möglichen Wege besprechen können. Dies ist natürlich sehr zeitaufwändig. Auch die Arbeit im Parlament begann, ich versuche, mit unserem Abgeordneten zusammen die gerade aktuellen Themen zu behandeln. Hervorheben möchte ich diesbezüglich vor allem Bildungsangelegenheiten, zum Beispiel die Vorbereitung der Details des Stipendienprogramms für Nationalitätenkindergartenpädagogen, das wir im September gestartet haben. Wichtig ist auch, Kontakt mit den Landesselbstverwaltungen und den Sprechern der anderen Nationalitäten, sowie mit den für uns relevanten Ministerien aufzunehmen. Dazu kommt noch die tägliche Vertretung, das Protokoll, Kontakthaltung mit den Zivilorganisationen, sowie die Begleitung und Unterstützung der Arbeit in den Regionen und in unseren Regionalbüros. Zu den kurzfristigen Aufgaben zähle ich auch noch die Vorbereitung auf die nächstes Jahr fälligen Kommunalwahlen. Gott sei Dank müssen wir den Wahlkampf nicht unerfahren angehen: Gutes Team, wie auch effektive Arbeitsteilung und Verfahrensmethoden wollen wir beibehalten, wobei wir natürlich offen für innovative Ideen sind. Im Frühling wollen wir alle Details im Rahmen einer dreitägigen Klausurtagung klären. Unser Ziel ist nach wie vor, in allen Ortschaften, wo es eine bewusste und aktive deutsche Gemeinschaft gibt, das Konstituieren einer deutschen Selbstverwaltung zu unterstützen, deren Tätigkeit die ungarndeutsche Gemeinschaft weiter stärkt.”

∎ Über Strategie und Zielsetzungen

„Ich bin der Überzeugung, ganz klare Ziele formuliert zu haben, als wir die Strategie der Landesselbstverwaltung der Ungarndeutschen bis 2020 geschaffen haben. Unsere Strategie ist das Ergebnis der Zusammenarbeit zahlreicher Beteiligten, die keine Wochenenden scheuten und an unseren Diskussionen und Workshops teilgenommen haben. Die in der Strategie definierten Schlüsselbereiche, nämlich Politik, Bildung, Kultur, Jugend und Kommunikation – bestimmen klar die Wege, die wir auch demnächst gehen wollen. Wir halten es für wichtig, unsere Bildungseinrichtungen auch weiterhin zu stärken, damit wir unseren Schülerinnen und Schülern noch bessere Qualität und noch mehr anbieten können. Betont kümmern wir uns auch um die örtlichen Nationalitätenselbstverwaltungen, wie auch um die von denen getragenen Bildungseinrichtungen. Sehr erfreulich ist, dass diese Kindergärten und Schulen dank der effektiven Lobbytätigkeit unseres Abgeordneten mit noch mehr Förderung rechnen können. Im Bereich der Kultur wollen wir unsere Zivilorganisationen weiterstärken und noch sichtbarer machen. Ich bin der Meinung, dass wir nicht isoliert, nur in unseren eigenen Kreisen tätig sein dürfen. Wir müssen auch allen anderen all das Gute und Schöne unserer Kultur zeigen, mit dem wir unsere Gesellschaft bereichern. Es gibt natürlich auch Bereiche, die uns vor neue Herausforderungen stellen: Zum Beispiel die ungünstige Lage der ungarndeutschen Medien. Eine Schlüsselproblematik ist darüber hinaus auch die Frage der Jugend – gerade wegen der Abwanderung oder der Verbreitung der Digitalisierung. Wir müssen Wege finden, die die Jugendlichen ansprechen. Dies ist eine gewaltige Verantwortung, zugleich aber auch eine Chance für das Ungarndeutschtum, sich die alten Traditionen bewahrend durch die jungen Generationen zu erneuern.”

∎ Über Überparteilichkeit

„Für mich ist es besonders wichtig, dass wir das primäre Interessenvertretungsorgan der Ungarndeutschen sind. Dies haben wir in unseren grundsätzlichen Dokumenten und auch in unserer Strategie verankert, und dies betonen wir bei unserer Kommunikationstätigkeit, so auch während des Wahlkampfs. Wir wollen mit der jeweiligen Regierung und mit den Regierungsorganen überparteilich und unabhängig diskutieren und kooperieren. Diese unsere Unabhängigkeit verleiht uns Authentizität, und das ist einer unserer wichtigsten Werte: In diesem Sinne wollen wir arbeiten, und in diesem Sinne sollen auch unsere Vereine, Zivilorganisationen und Institutionen arbeiten. Ich glaube, authentisch zu sein, ist heutzutage wichtiger denn je. Authentisch zu sein, ist mühsam, benötigt viel Ehre und Vertrauen, ist aber der stabile Grundpfeiler jeglicher Kooperation. Dies zu erreichen, bedarf es langjähriger und harter Arbeit, um dies zu verlieren, reicht aber auch ein Moment. Bei der erfolgreichen Interessenvertretung kommt auch unserem vollberechtigten Parlamentsabgeordneten eine wichtige Rolle zu, der sich bereits des Öfteren betont hat, dass ihm die permanente Abstimmung mit der Selbstverwaltung und mit deren Fachausschüssen sehr wichtig sei, und dass er seinen Auftrag als Gesandter der Landesselbstverwaltung der Ungarndeutschen ausführe.“

LdU - Landesselbstverwaltung der Ungarndeutschen
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