Randnotiz zu einer Entscheidung

02. Juli 2021 - 11:06 - Quelle: - 0 kommentier
Am 28. Mai wurde der Antrag der Landesselbstverwaltung der Ungarndeutschen auf die Übernahme der Antal-Grassalkovich-Grundschule in Schorokschar abgelehnt. Diese Entscheidung lässt einen über manches nachdenken…

Als 2003 das Valeria-Koch-Schülerwohnheim, dann 2004 das ganze Valeria-Koch-Bildungszentrum in die Trägerschaft der Landesselbstverwaltung der Ungarndeutschen geriet, war klar, dass diese Verpflichtung von allen Beteiligten sehr ernst genommen wird. Die LdU und mit ihr die ganze ungarndeutsche Gemeinschaft waren fest davon überzeugt, dass dieser historische Schritt einen Meilenstein in unserem Kampf für eine gesicherte Zukunft unserer Volksgruppe bedeutet. Auch die Stadt Fünfkirchen zeigte wahre Größe, als sie nicht nur die Institution in die Trägerschaft, sondern auch die Immobilien in den Besitz der Landesselbstverwaltung übergab.

„In den vergangenen 20 Jahren haben wir wichtige Schritte für den Ausbau und Betrieb, sowie für die Vernetzung eines Institutionsgefüges in eigener Trägerschaft unternommen. Wir begrüßen und unterstützen, dass auch immer mehr örtliche deutsche Selbstverwaltungen Trägerschaften und Institutionen übernehmen.“ – heißt es in der Präambel der Strategie der LdU. Das Ergebnis dieses Vorhabens sind drei Bildungseinrichtungen in eigener, zwei in Mitträgerschaft und 62 in lokaler Trägerschaft deutscher Selbstverwaltungen.

Von unserer Bewusstheit zeugt auch, dass wir 2005 das Ungarndeutsche Pädagogische Institut gegründet haben, dessen Nachfolger das Ungarndeutsche Pädagogische und Methodische Zentrum seit Januar dieses Jahres als selbstständige Institution die ungarndeutsche Erziehung und Bildung landesweit fachlich unterstützt, mit besonderem Schwerpunkt auf den Institutionen, die von unserer Volksgruppe getragen werden.

Das Valeria-Koch-Bildungszentrum, das Ungarndeutsche Bildungszentrum in Baje, sowie die Audi-Schule in Raab gelten als Bildungszentren, in denen die ganze Palette der Nationalitätenausbildung vom Kindergarten bis zum Abitur gesichert wird. In der Budapester Region fehlt eine solche Institution, zumal auch am Werischwarer Friedrich-Schiller-Gymnasium erst ab Klasse 7 Schüler empfangen werden. Der Plan der Gründung eines Bildungszentrums in Budapest reift schon seit langem in uns und wurde Ende vergangenen Jahres in Tat umgesetzt, als die Vollversammlung die Übernahme der Schorokscharer Grassalkovich-Antal-Schule und die Fusion dieser mit dem Deutschen Nationalitätengymnasium beschlossen hat (LdU berichtete darüber am 23. Februar 2021 in ihrem Rundbrief.)

Nun sind wir mit großem Enthusiasmus ans Werk gegangen, unterstützt durch den Parlamentsabgeordneten, Herrn Ritter: Gespräche mit beiden Schulen, mit lokalen Entscheidungsträgern, offizielle Anmeldung bei der Schulbehörde, Informationsveranstaltungen für Eltern und Schüler durch die beiden Schulleiterinnen. Diese Etappen vor der offiziellen Einreichung waren zum einen deshalb wichtig, weil wir den Reaktionen öffentlicher Stellen einen gewissen Widerwillen entnehmen konnten, zum anderen, weil die Anzahl der am deutschen Nationalitätenunterricht teilnehmenden Schüler die gesetzlich festgesetzte 75% der Gesamtschülerzahl nicht erreicht. In solchen Fällen liegt die Entscheidung über die Übergabe beim zuständigen Minister, der die Zusage aus rechtlichen Gründen verweigern kann und aus demselben Grund diese auch nicht begründen muss.

Trotz allem haben wir auf einen positiven Ausgang gehofft, schon deshalb, weil die Erfolge der von uns getragenen Einrichtungen uns Ungarndeutschen als Institutionsträger einen gewissen Respekt verschafft haben.

In mir tauchen auch seitdem viele Fragen auf:

Soll die weitere Verringerung des Prozentsatzes erreicht werden?

Haben wir unsere Pläne – nämlich, dass wir an der Bildungsstruktur der Schule nichts ändern wollen – nicht klar genug dargestellt? Waren unsere Ziele nicht transparent? Ist es schon in einer von uns getragenen Schule vorgekommen, dass wir nur Schüler deutscher Abstammung aufgenommen haben? Wieso kommt es bei den Entscheidungsträgern nicht an, dass wir der Gemeinde nichts wegnehmen, sondern etwas Zusätzliches geben wollen: in Geist, im Fachlichen und in der Infrastruktur?

Ich bedauere es zutiefst, dass es nicht verstanden worden ist, dass wir nicht gegen die Kräfte vor Ort, sondern mit ihnen die Idee eines ungarndeutschen Bildungszentrums umsetzen wollten.

Meine oben angeführte Meinung wird auch durch jene aktuelle Nachricht bestätigt, dass nämlich die die Fortsetzung der bisherigen Arbeit garantierende Bewerbung der derzeitigen Direktorin vom zuständigen Minister bedauerlicherweise abgelehnt wurde. Elisabeth Kreisz arbeitet seit 36 Jahren an der Schule, 15 Jahre hindurch war sie als stellvertretende Direktorin tätig, und seit bereits 15 Jahren als Schulleiterin. Wir geben zu bedenken, dass nach dem Austreten einer so starken Persönlichkeit diese starke Bastei des ungarndeutschen Bildungswesens ins Wanken kommt.

Uns bleibt im Moment nur noch, dass wir Herr über unsere Enttäuschung werden und weiterhin im Interesse unserer Volksgruppe arbeiten.

Ibolya Hock-Englender, Vorsitzende der Landesselbstverwaltung der Ungarndeutschen

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